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23. November 2016 F. Hausdörfer

Betr.: Artikel „Sie hungern uns aus“ (Lokalausgabe STZ vom 29.09.2016)

Im nachfolgenden Artikel und dem dazugehörigen Kommentar von Frau Weilbach ging es um den Besuch des Jugendhilfeausschusses des Wartburgkreises in der schulvorbereitenden Einrichtung (SVE) Oberrohn, welche dem Förderzentrum Bad Salzungen angegliedert ist. Im Artikel werden leider wichtige Fakten ausgeblendet, zum Teil falsche Angaben gemacht und Emotionen gegen die jetzige Landesregierung geschürt. Wer sich allerdings mit einigen Fakten zum Thema Bildung und Erziehung befasst, kommt zu einem anderen Schluss: Auch um den Wartburgkreis wird die weitere Entwicklung der inklusiven Erziehung und Beschulung keinen Bogen machen.

Rechtsbindende Grundlage ist die im Jahr 2009 in Deutschland in Kraft getretene UN- Behindertenrechtskonvention, mit welcher die Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen (und somit auch Kinder) am gesellschaftlichen Leben garantiert werden soll.

Bereits im Jahr 2010 verabschiedete die  damalige CDU/SPD- Landesregierung die Novellierung des Thüringer Kindertagesstättengesetzes, in der ein Rechtsanspruch auf eine gemeinsame Förderung festgeschrieben wurde (§7 Abs.1: „Kinder, die behindert oder von Behinderung bedroht sind, haben das Recht, gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung gefördert zu werden.“), Diese Gesetzesnovellierung leitete das Ende der schulvorbereitenden Einrichtungen in Thüringen ein. Gingen im Jahr 2009/2010 noch 355 Kinder in solche Einrichtungen, so waren es zum Amtsantritt von Rot-Rot-Grün nur noch 134. Die meisten Landkreise haben ihre SVEs schon lange geschlossen, mittlerweile gibt es thüringenweit lediglich nur noch 4 dieser Einrichtungen (so in Oberrohn mit 7 und in Eisenach mit 9 Kindern). Das Auslaufen der schulvorbereitenden Einrichtungen ist also seit Jahren im Gange und keine Erfindung der jetzigen Landesregierung. Auch an den Förderschulen sank die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den letzten 10 Jahren kontinuierlich. Am Förderzentrum Eisenach lernten 2003/2004 370 Schüler, 2012/2013 waren es nur noch 178. Diese Entwicklung verlief an den Förderschulen Bad Salzungen und Dorndorf adäquat. Thüringen, welches bislang noch als einziges (und somit letztes) Bundesland ein separates Gesetz für Förderschulen hat, wird nun mit dem geplanten inklusiven Schulgesetz einen weiteren, aus meiner Sicht notwendigen Schritt in Richtung inklusives Lernen machen.

Die Sichtweise des Jugendhilfeausschusses und der 2. Beigeordneten zum Thema schulvorbereitende Einrichtung Oberrohn kann ich deshalb so nicht nachvollziehen. Der Wartburgkreis verlor erst kürzlich am Verwaltungsgericht Meiningen den Rechtsstreit über die Beschulung eines körperbehinderten Jungen aus Vacha und die Verantwortlichen täten gut daran, nunmehr auch in unserer Region die Ampeln für die Inklusion ohne wenn und aber auf Grün zu stellen.

Falk Hausdörfer

Mitglied des Ausschusses für Schule und Kultur

 

der dazugehörige Artikel aus der STZ vom 29.09.2016
 

Schulleiter des Förderzentrums: "Sie hungern uns aus"

Sieben Kinder mit Förderbedarf besuchen zurzeit die schulvorbereitende Einrichtung in Oberrohn. Aber wie lange Kinder hier noch betreut werden können, ist in den Zeiten von Inklusion ungewiss.

Oberrohn - Der Jugendhilfeausschuss des Wartburgkreises hat mit Bedacht als Sitzungsort die schulvorbereitende Einrichtung (SVE) in Oberrohn gewählt. Denn die Einrichtung ist genauso wie die Förderzentren des Wartburgkreises in der Existenz bedroht. "Zum Glück ist die Verabschiedung des integrative Schulgesetzes im Land aufgrund der vielen Proteste verschoben worden", sagt Kreisbeigeordnete Nicole Gehret. Im Frühjahr habe man befürchten müssen, dass die Einrichtung geschlossen wird. Nun habe man wieder sieben Kinder bei 16 Plätzen.

Es sei nicht etwa so, dass es keinen Bedarf gebe. Im Gegenteil, im Kreis gebe es Wartelisten. Aber die Begutachtung von Kindern mit sozialpädagogischem Förderbedarf werde hinausgezögert. "Sie wollen uns aushungern, die schulvorbereitenden Einrichtung in Oberrohn genauso wie die Förderzentren", ergänzt Jens Krumbholz, Schulleiter des Förderzentrum "Christian Ludwig Wucke" in Bad Salzungen, zu dem auch Einrichtung in Oberrohn gehört.

Inklusion sei eine gute Sache, aber es gebe Kinder, die sich nur in geschützten Räumen optimal entwickeln können. In den vergangenen Jahren habe der Wartburgkreis sehr viel Geld in die SVE und die Förderzentren investiert. Und niemand werde ein Kind im Förderbereich halten, wenn es nicht notwendig sei. Sobald ein Kind die Entwicklungsdefizite überwunden habe, gehe es in eine "normale Schule".

Gabriele Gerlach, Leiterin der schulvorbereitenden Einrichtung Oberrohn, führt die Gäste gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen Verena Blank, Susann Schulz und Carina Ift durch die kleinen, kindgerecht eingerichteten Räume. "Sie sehen, hier fehlt jeglicher Luxus. Aber unsere Kinder brauchen überschaubare Räume, klare Strukturen, in denen sie sich zurechtfinden", erklärt Gerlach. Die vier Lehrerinnen sind stundenweise in Oberrohn eingesetzt. Sie betreuen auch Kinder im Gemeinschaftsunterricht an den Grundschulen.

Nicht ausgebildet

Seit 30 Jahren gibt es die schulvorbereitende Einrichtung in Oberrohn. Seit 28 Jahren ist Gabriele Gerlach hier tätig. Gerlach stellt klar, dass sie nicht gegen Inklusion ist, im Gegenteil. Auch sie sei freitags im gemeinsamen Unterricht an einer Grundschule eingesetzt. Und deshalb könne sie einschätzen, dass es Kinder gibt, die geschützte Räume benötigen, die auch mit Schulbegleiter in einer Klasse mit 25 Kindern nicht optimal gefördert werden können.

Da fehle es nicht nur an sächlichen Dingen. Oft seien die Grundschullehrer mit einer großen Klasse und ein bis zwei Kindern mit einem ganz individuellen Förderbedarf völlig überfordert. Zum einen seien die Grundschullehrer dafür nicht ausgebildet und zum anderen sei es nicht möglich, sich in einer Klasse mit über 20 Kindern den ein- oder zwei Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf die Zeit zu geben, die sie bräuchten. Ein Kind sollte immer da abgeholt werden, wo es steht.

Inklusiver Unterricht funktioniere oft mit Kindern, die eine körperliche Beeinträchtigung haben, wenn an der Schule die entsprechenden Bedingungen vorhanden sind. Schwieriger sei es aber bei Kindern, die Entwicklungsdefizite oder Störungen in der Motorik, in der Sprache, im geistigen, sozialen und emotionalen Bereich haben. Ärztin Sigrid Bastian vom Gesundheitsamt Wartburgkreis ergänzt: Die meisten Schüler mit Förderbedarf würden nur wenige Stunden in der Wochen von einem Sonderpädagogen betreut. Aber selbst wenn das Kind im gesamten Unterricht einen Schulbegleiter an die Seite bekomme, sei das eine besondere Form der emotionalen Ausgrenzung. Ein Kinde, welches ständig in Begleitung eines Erwachsenen ist, werde kaum einbezogen. "Das ist nicht Inklusion, sondern Ausgrenzung."

Gabriele Gerlach erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der an Autismus leidet. Für ihn seien die großen Gruppen im Kindergarten "die Hölle" gewesen. Jetzt werde er in SVE betreut. Alles sei überschaubar und der Junge entwickle sich gut. Ein anderes Kind sei nach der Entfernung eines kindskopfgroßen Tumors in seiner Entwicklung zurück gewesen. Im Heimatkindergarten habe das Kind unter Stress gelitten, weil es zu langsam war. In Oberrohn habe sich das Kind gut entwickelt, weil es hier andere Fördermöglichkeiten gebe.

Optimale Förderung

Mit dem sonderpädagogischen Gutachten werde im Zusammenspiel mit Lehrern, Ärzten, Therapeuten geprüft, wie man dem Kind am besten helfen könne. Diese Möglichkeit sei vorhanden bei maximal 16 Kindern in der Einrichtung. Auch gebe es in Oberrohn engen Kontakt zu den Eltern. Einmal im Monat finde eine Elternveranstaltung statt. Gemeinsam mit den Kindern verreise man viel, besuche den Zoo oder Theaterveranstaltungen. Oftmals könne man es sich in Oberrohn gar nicht vorstellen, dass diese Kinder so viel Schwierigkeiten in den Heimatkindergärten bereitet haben.

Martin Müller (CDU), Leiter des Jugendhilfeausschusses und Bürgermeister der Stadt Vacha, nennt das Beispiel von zwei Kindern, die vom integrativen Kindergarten der Stadt Vacha in die SVE nach Oberrohn gekommen sind. "Bei uns im Kindergarten waren die beiden einen Gefahr für sich selbst, für andere Kinder und sogar für die Erzieher: Das ging nicht mehr." Und Müller weiß auch noch, wie lange es gedauert hat, bis das sonderpädagogische Gutachten da war. Auch die Eltern der Kinder machen die Hölle durch, in dieser Zeit der Ungewissheit, so Gerlach.

Das seien keine Paradebeispiele, so Gerlach. 80 Prozent der Kinder, die aus ihrem Heimatkindergarten nach Oberrohn kommen, gehen später in eine "normale" Grundschule. Viele der Kinder seien sogar von Anfang an Leistungsträger. Einfach weil sie bereits optimal auf das Lesen und Rechnen vorbereitet werden konnten.

Der Tag in Oberrohn sei strukturiert. Dem Lernen in einer ruhigen und reizarmen Atmosphäre, folge eine psychomotorische Phase, Konzentrationsübungen, Sprachaufgaben. Vieles werde über die Bewegung vermittelt. "Bei uns merken die Kinder oft gar nicht, dass sie lernen", ergänzt Verena Blank.

Einig sind sich am Ende alle, die SVE und die Förderzentren müssen erhalten werden. Diese geschützten Räume für Kinder mit besonderem Förderbedarf sind wichtig. Dafür lohne es sich zu kämpfen. Jeder auf seiner Ebenen. Der Wartburgkreis auf Ebene des Landkreistages. Der Protest von Lehren und Eltern sei wichtig, so Kreisbeigeordnete Gehret.

Inklusion sei eine gute Sache, aber sie funktioniere nicht mit der Brechstange. Auch nicht an jeder Schule. Allein der Investitionsbedarf, um die Schulen des Wartburgkreises barrierefrei zu gestalten, liege bei mindestens zehn Millionen Euro. Dabei rede sie noch nicht von schallschutzgedämmten Räumen oder Hilfen für Sehbehinderte. Beispielsweise sei am Förderzentrum in Bad Salzungen jetzt eine Treppensteighilfe angeschafft worden. Kosten: 34 000 Euro. Für das Kind, das sie benötigt, eine große Hilfe, aber eine solche Anschaffung für jede Schule sei einfach nicht sinnvoll, ergänzt Krumbholz. wei